FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
SEITE 10 • MITTWOCH, 22. JULI 2026 • NR. 167
In einer Welt voller Schatten, Gespenster und Erinnerungen
Die in Frankfurt lebende koreanische Künstlerin Hyunju Oh nutzt die Alte Schmelze für ihre starken multimedialen Installationen
von CHRISTOPH SCHÜTTE
Es ist immer wieder erstaunlich, was man aus diesem Ort machen kann. Wie Maler, Bildhauer und Videokünstler mit den Gegebenheiten des Raums umgehen und sie sich zunutze machen. Immerhin ist der Ausstellungsraum auf dem Gelände der Milchsackfabrik im Frankfurter Gutleutviertel alles andere als ein klassischer White Cube, im Gegenteil. Nicht nur zieren der malerisch blätternde Putz, zieren Graffiti, Tags und grafisch feine Risse die Wände der abgerockten Halle, die, wiewohl die Gelatinekocher schon vor Jahrzehnten ausgezogen sind aus der Alten Schmelze, mit ihren Trägern, Ketten, Gruben noch immer von der schweißtreibenden Arbeit früherer Zeiten kündet.
Wenn jetzt die 1988 im koreanischen Daegu geborene Hyunju Oh das vormalige Industriegebäude mit „Shadows of Pressure" bespielt, gilt das noch einmal in besonderem Maße. Bewegt sie sich doch ganz selbstverständlich in unterschiedlichen Medien und verknüpft eindrucksvoll Sound, Installation und Skulptur, Performance und die vorgefundenen Bedingungen zu einer dichten Atmosphäre. Zu multimedialen Installationen mithin, in denen sich Klänge, Stoffe, Verse, die Leerstellen und blinden Flecken zu jenem Gewebe verbinden, das wir Erinnerung nennen. Dabei sieht man zunächst wenig, bis auf diverse Schüsseln, Wannen, Eimer, die Oh als Waschzuber für ihre zunächst strahlend weißen Laken dienen.
Nur dass die Tücher, mit Wasser, Lehm und vom Schweiß der Künstlerin getränkt, nachher ungleich schmutziger erscheinen als zuvor, wenn Oh sie an Seilen hochzieht, an Haken und an schwere Ketten hängt und damit zu einem Ensemble aus Objekten, Zeichen und Figuren findet, das den Raum neu fasst. Eine Welt der Geister, Schatten und Gespenster in der Tat, die sich gleichsam live und in Farbe manifestiert. Es scheint alles andere als ausgemacht, dass es sich dabei um eine Schar von guten, der Künstlerin ganz selbstverständlich wohlgesinnten Geistern handelt, die sich hier vor den Augen des Betrachters einstellt. Dabei sind die verlassene Schaukel, der leere Stuhl, die getrockneten, hart und spröde gewordenen Tücher in der Kunst oft bemühte Bilder.
Bei Oh aber begegnen sie vielleicht ein letztes Mal noch frei von Redundanz. Dass die in Frankfurt lebende Künstlerin in Korea Malerei studiert hat, bevor sie in Kiel, Mainz und Linz zu klangkünstlerischen und performativen Formaten fand, lassen derweil die im Ausstellungsraum nebenan vorgestellten Aquarelle ahnen. Sanft abstrahierte, mal impulsiv mit zwei, drei Pinselhieben, mal somnambul aus einer einzigen Linie entwickelte Landschaften, von denen man angesichts der hier über die Mauer mäandernden Risse und der dort scheinbar auf den fleckigen Putz antwortenden Strukturen wider besseres Wissen meinen möchte, sie seien gerade hier vor dieser Wand entstanden.
Dabei sprechen auch sie mehr als alles andere von Bildern. Und von der Erinnerung. „Mutter war meine Landschaft" ist die Installation in der großen Halle über-schrieben, die den Betrachter frösteln lässt. Und auch hier, vor den durchweg bescheidenen Naturstücken, mag man ganz in diesem Sinne Tag und Nacht, Licht und Schatten, mag man einen Fluss, einen Berg vielleicht und schließlich Stürme, Regen und Gewitter in den Landschaften gespiegelt finden. Der Ton aber, den diese Blätter setzen, ist ein an-derer. Als wechselte Oh die Perspektive. Mag sein, das Dunkel, die Schatten und Gespenster sind geblieben. Hier aber heißt man sie willkommen. Und fürchtet sie nicht mehr.
Große Raumwirkung:
Hyunju Oh tränkt Wäsche mit Lehm und hängt sie an Seile.
Hyunju Oh, „Shadows of Pressure". Alte Schmelze in der Milchsackfabrik, Frankfurt, Gutleutstraße 294. Bis 2. August, freitags bis sonntags von 16 bis 19 Uhr geöffnet.
Solo show “Shadows of Pressure”, curated by Jacqueline Jakobi Millán, Alte Schmelze, Frankfurt am Main Germany (2026) (Photo: Jens Gerber, Hyunju Oh)